Havanna entdecken: Moderne Architektur jenseits der Kolonialzeit
Von Art Déco bis Revolution: Havannas vergessene Moderne
Wenn Sie an Havanna denken, erscheinen vor Ihrem inneren Auge vermutlich koloniale Fassaden, bunte Oldtimer und die Malecón-Promenade. Doch die kubanische Hauptstadt birgt eine der bedeutendsten Sammlungen moderner Architektur Lateinamerikas – oft übersehen, teilweise verfallen, aber gerade deshalb faszinierend. Dieser Artikel führt Sie zu den konkreten Adressen, wo Sie Havannas Moderne erleben können.
Art Déco in Vedado: Das Viertel der 1920er Jahre
Das Wohnviertel Vedado entstand zwischen 1920 und 1958 als Planstadt für Havannas wachsende Mittel- und Oberschicht. Hier finden Sie die höchste Dichte an Art-Déco-Bauten außerhalb Miami.
Der Edificio López Serrano an der Calle 13 Nr. 108 zwischen L und M gilt als erstes Hochhaus Havannas. Erbaut 1932 vom Architekten Ricardo Mira, misst es 58 Meter und orientiert sich am New Yorker Rockefeller Center. Die Lobby mit ihrem schwarz-weißen Marmorfußboden und den Messingdetails ist öffentlich zugänglich – fragen Sie den Pförtner höflich um Einlass.
Drei Blocks weiter steht das Edificio Bacardí an der Avenida de Bélgica 261 in Alt-Havanna. Das 1930 fertiggestellte Verwaltungsgebäude der Rumdynastie vereint Art Déco mit kubanischen Motiven: Terrakotta-Fassaden, Buntglasfenster mit Zuckerrohr-Motiven und eine 50 Meter hohe Turmspitze, die bei Nacht beleuchtet wurde. Die Führung durch das Gebäude kostet 3 CUC, Treffpunkt ist die Lobby werktags um 10 und 14 Uhr.
Tipp für Fotografen: Das Cine-Teatro Fausto an der Ecke Paseo de Martí und Colón zeigt eine der besterhaltenen Art-Déco-Fassaden. Das Innere ist leider geschlossen, die Außenansicht lohnt sich bei Nachmittagslicht.
Die Revolution baut: Kubanischer Modernismus der 1960er
Nach 1959 entstand eine eigenständige Architektursprache, die sowjetischen Einfluss mit karibischer Leichtigkeit verband. Drei Bauten dieser Epoche sind unbedingt sehenswert:
Das Teatro Nacional de Cuba an der Plaza de la Revolución (Paseo y 39) wurde 1979 nach Plänen des Architekten Arroyo fertiggestellt. Die brutalistische Betonfassade verbirgt einen überraschend eleganten Innenraum mit zwei Sälen. Führungen werden dienstags und donnerstags um 11 Uhr angeboten, Kosten: 5 CUC. Besonders: Das Theater beherbergt das größte Wandgemälde Cubas – 75 Meter lang, geschaffen von Rafael Consuegra.
Das Hotel Habana Libre an der Calle L Nr. 23 war ursprünglich das Hilton-Havana, eröffnet 1958 – gerade rechtzeitig vor der Revolution. Fidel Castro quartierte sich hier in den ersten Monaten ein, das Gebäude wurde zum Symbol der neuen Ära. Die Lobby mit ihrem dreieckigen Grundriss und den freitragenden Treppen ist öffentlich zugänglich. Die Dachterrasse bietet den besten Blick auf Vedado, der Aufzug zum Restaurant “La Torre” im 25. Stock funktioniert meist.
Weniger bekannt, aber architektonisch bedeutender: Die Escuela Nacional de Arte in Cubanacán. Die drei Schulen für Tanz, Musik und Bildende Kunst wurden 1961-1965 von Ricardo Porro, Roberto Gottardi und Vittorio Garatti entworfen. Die gewölbten Ziegelstrukturen der Kunstschule (Porro) gelten als Meisterwerk des organischen Modernismus. Der Zugang ist kompliziert: Schriftliche Anmeldung drei Tage vorher bei der Direktion, Telefon +53 7 271 4677. Alternativ buchen Sie eine organisierte Tour über San Cristóbal Agencia (ab 30 CUC).
Sowjetische Spuren: Plattenbau und Kosmonautik
Die 1970er und 1980er Jahre prägte die enge Bindung an die UdSSR. Havanna erhielt Wohnblöcke, die direkt aus Moskau zu stammen scheinen – mit karibischer Adaption.
Das Microbrigaden-Viertel Alamar östlich der Stadt wurde ab 1971 als selbstverwaltetes Wohnprojekt errichtet. Heute leben hier 100.000 Menschen in fünfgeschossigen Plattenbauten, die mit Balkonen, Loggien und Durchlüftung für tropisches Klima angepasst wurden. Die Metrobus-Linie P-3 bringt Sie vom Parque de la Fraternidad in 40 Minuten dorthin. Spazieren Sie durch die Sektionen 1 bis 3 – hier sind die ursprünglichen Grünflächen und Gemeinschaftseinrichtungen am besten erhalten.
Das Museo del Ministerio del Interior an der Plaza de la Revolución – bekannt für das Che-Guevara-Porträt am Gebäude – wurde 1953 als Innenministerium errichtet und 1980 um einen sowjetisch inspirierten Anbau erweitert. Die nüchterne Betonarchitektur steht im bewussten Kontrast zum expressionistischen Originalbau.
Praktische Routen für Architektur-Interessierte
Für einen kompakten Überblick empfehlen wir drei Halbtagesrouten:
| Route | Dauer | Schwerpunkte |
|---|---|---|
| Vedado Art Déco | 3 Stunden | López Serrano, Cine Fausto, Hotel Nacional (Außen), Calle 23 |
| Revolutionärer Modernismus | 4 Stunden | Teatro Nacional, Hotel Habana Libre, Universidad (Außen) |
| Sowjetisches Erbe | 5 Stunden | Plaza de la Revolución, Fahrt nach Alamar, Rückkehr über Cojímar |
Die beste Zeit für Architekturfotografie ist der frühe Morgen (7–9 Uhr) oder die späte Nachmittagssonne (16–18 Uhr). Die Mittagshitze macht längere Fußmärsche in Vedado anstrengend.
Cocktails mit Aussicht: Moderne Architektur erleben
Zwei Bars verbinden Ihr Architektur-Interesse mit kubanischer Mixkunst:
Die Terrasse des Hotel Habana Libre im 25. Stock serviert einen soliden Daiquiri (6 CUC) bei 360-Grad-Rundblick. Die Bar öffnet täglich 17 Uhr, Sonnenuntergang gegen 19:30 Uhr.
Das Hotel Nacional an der Calle 21 und O gehört selbst zur Moderne – erbaut 1930 im Stil des Art Déco mit Einflüssen des spanischen Plateresco. Die Terrasse mit Blick auf die Malecón ist klassischer: Hier tranken Winston Churchill, Frank Sinatra und zahllose andere. Der Mojito kostet 8 CUC, die Atmosphäre ist unbezahlbar.
Für einen authentischeren Abend empfehlen wir die Casa de la Amistad in der Calle Paseo 406. Das 1940 erbaute Herrenhaus im Art-Déco-Stil beherbergt heute ein Kulturzentrum mit Bar im Garten. Keine Touristenkarte, Eintritt frei, Cocktails 3–4 CUC.
Fazit: Havannas zweites Gesicht
Die moderne Architektur Havannas erzählt eine andere Geschichte als die koloniale Altstadt – die Geschichte eines Landes, das sich im 20. Jahrhundert zwischen amerikanischem Kapitalismus, europäischer Avantgarde und sowjetischem Realismus verortete. Viele dieser Bauten verfallen, andere werden gerade restauriert. Wer sie heute besucht, erlebt eine Architekturlandschaft im Wandel – authentischer als jede Museumsvitrine.
